Spielleitung & Helfer
 
Gründung:    23. Juli 2005
12 Rüden
9 Fähen
davon 4 Welpen
TAG | 30. Dezember 1926 . abends
WETTER | Himmel schon recht dunkel # vereinzelte Schneeflocken # weiße Nordlichter # -6 °C

Seit dem letzten Plot sind etwa 2 Monate vergangen. Die Welpen lernen langsam mit dem Verlust Jeannes zurecht zu kommen, doch es ist schwer, vor allem für ihre eigenen. Als der Herbst in den Winter überging, ist das Rudel zum Gebirgsbach weitergewandert. Man hat wie schon im vergangenen Jahr kein Interesse daran, in der "Winterhöhle" Quartier aufzuschlagen, aber man ist sich um ihren Nutzen bewusst, sollte der Winter mit heftigen Schneestürmen aufwarten, deshalb wurde beschlossen, einfach in ihrer Nähe zu lagern. Während der Winterpelz bei den Wölfen an Fülle gewonnen hat, schienen sich außerdem bei ein paar Individuen neue Abzeichen im Pelz herauszubilden. Es ist nicht übermäßig auffällig, da sich der Prozess mit dem Fellwechsel vermischt, aber irgendwie sehen ein paar Rudelmitglieder ein ganz klein bisschen anders aus als sonst, oder? Was aber definitiv jedem an diesem Tag auffällt ist das weiße Nordlicht, dass am Himmel erschienen ist. Genau wie es nach jenem Tag im letzten Winter auftauchte.

Ab 6 Tagen werden hier User darauf hingewiesen, wie lange sie schon mit Schreiben dran sind. Diese User dürfen nach dem Ermessen des Wartenden übersprungen werden.


Sheyna seit: 146 Tagen
Yavinja seit: 83 Tagen
Caspar seit: 43 Tagen
Saiyán Tendes seit: 26 Tagen


Autor

Beitrag

I'LL TRY TO PICTURE ME WITHOUT YOU BUT I CAN'T
cause we could be immortals
Bildnachweis
Kati H. - dawnthieves.de

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2 Jahre

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Rüde

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93 cm

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158

Beitritt

09.07.2006

Aiyan gähnte und blinzelte. Es war dunkel und er war voller Schnee. Als er sich hingelegt hatte, war es definitiv noch hell gewesen und der Schnee hatte sich unter ihm befunden, nicht auf ihm. Bei einem Blick zum Himmel zeigten sich nur Sterne, keine einzige Wolke. Und es war kalt. Zeit, aufzustehen und sich ein bisschen die Pfoten zu vertreten. Er gähnte nochmal, dann erhob er sich und streckte die Läufe wie eine Katze, schüttelte sich den Schnee aus dem nachtschwarzen Pelz und sah sich um. Rings umher lagen kleine Haufen im Schnee, weiter hinten saßen zwei Wölfe beisammen, die sich offenbar unterhielten. Aber die meisten der Haufen schliefen. Es hatte heftig geschneit, so wie es aussah. Gut, dass er das verschlafen hatte. Er gähnte nochmal, dann stapfte er wahllos in Richtung der beiden sitzenden Rudelmitglieder – und übersah dabei einen wirklich kleinen Haufen, den man kaum als Wolf erkennen konnte. Seine langen Läufe bewahrten ihn vor einem Fall, aber er trat gegen das Häufchen und stolperte, suchte Halt mit den Hinterbeinen und trat so gleich noch einmal auf den Wolf, der unter dem Schnee zusammengerollt geschlafen hatte.

Sie schlief immer noch unheimlich viel, aber jetzt geschah es aus anderen Gründen. Anfangs war es die schiere Kraft- und Sinnlosigkeit des Seins, die sie wie eine unsichtbare Last auf den Boden gedrückt hatte. Jetzt war das Gewicht auf ihren Schultern etwas gelockert, jetzt war sie zwar immer noch traurig, aber die Trauer bestimmte nicht mehr ihr Handeln. Farai besaß jetzt wieder die Kontrolle über ihre Wünsche. Und sie wünschte sich nichts mehr als ihnen nochmal im Traum zu begegnen. Heute Nacht schien sie aber kein Glück zu haben, das hatte sie bereits gemerkt als sie mehrfach von selbst wach geworden war und einfach keinen ruhigen Schlaf finden konnte. Irgendwo auf der Schwelle von leichtem zu Tiefschlaf liegend bemerkte sie nicht, wie sich Aiyan näherte. Als etwas dumpf gegen ihre Rippen prallte war Farai dann aber mit einem Schlag nicht nur wach, sie war alarmiert. Was bei anderen Wölfen wohl wie ein leichtes Zusammenzucken ausgesehen hätte, katapultierte Farai mit einem Satz auf die Läufe. Verwirrt blinzelte sie gegen die Dunkelheit an, halb sitzend, halb stehend und ganz offensichtlich nicht sicher, ob sie weglaufen sollte oder nicht.

Aiyan merkte etwas zu spät, dass er da über einen Wolf gestolpert war und sah sich nur ärgerlich nach der vermeintlichen Schneewehe um, als diese förmlich explodierte und zu Farai wurde. Überrumpelt blieb der Schwarze stehen und starrte die Gleichaltrige an, mit der er seit Kibas Tod nicht mehr ein einziges Wort gewechselt hatte. Erst nach einem Moment fiel ihm dann auch noch ein, wieso sie gerade aus der Schneewehe gekommen war und seine Augen weiteten sich. „Oh! Entschuldige, ich hab dich nicht gesehen.“ Yay, er hatte sie nicht nur geweckt sondern auch noch getreten. Er an ihrer Stelle wäre jetzt richtig schlecht gelaunt gewesen und er begann, seine Entschuldigung mit einem Wedeln der Rute noch zu unterstreichen. „Hab ich dir weh getan?“, erkundigte er sich vorsichtshalber, so zerbrechlich wie Farai immer wirkte.

Je mehr Zeit verging, desto besser passten sich ihre Augen an die Dunkelheit an. Das half ihr nicht wirklich, da der Wolf vor ihr offensichtlich schwarz war. Es hätte von der Statur her genauso gut Saiyan wie Aiyan sein können, aber gnädigerweise lieferte ihr der Geruchssinn dann die endgültige Antwort. Farai atmete erleichtert aus und war gleichzeitig wieder sauer auf sich selbst, was sie sich aber nicht anmerken lies. Immer noch diese Schreckhaftigkeit. Vermutlich werde ich das nie los. Aiyan tat sein Missgeschick sichtbar leid, was Farai einerseits freute und beruhigte, andererseits auch ein bisschen überraschte. Sie war immer noch der Annahme das Ai seinem Bruder nicht nur äußerlich, sondern auch charakterlich sehr ähnlich war, weshalb sie ein solch schnelles Bedauern nicht erwartet hatte. Saiyan war ihr unheimlich, mit Aiyan verband sie seit diesem schrecklichen Tag die gleiche, schmerzhafte Erfahrung, was Farai irgendwie....schätzte. Um ihm zu zeigen das sie nicht böse war wedelte sie auch kurz mit der Rute durch den Schnee und schüttelte dann sanft den Kopf. "Nein. Ich hab mich nur...erschreckt." Sie blinzelte nochmal, stellte dann fest das sie beiden die einzigen wachen Wölfe zu sein schienen. Auch von Ais Zwilling war nichts zu wittern. "Kannst du nicht schlafen?" Es war mehr ehrliches Interesse als lediglich der Wunsch nach Smalltalk. Immerhin kannte Farai das Problem der schlaflosen Nächte selbst zur Genüge.

Aiyan lächelte schwach, als er ihre Rute durch den Schnee wischen hörte – wirklich viel davon sehen konnte er nicht. Wo auch immer der Mond war, heute ließ er die Sterne hier allein. Der Schnee erhellte die Nacht zwar, aber deswegen konnte er noch längst nicht sehen, was hinter der sitzenden Gestalt Farais passierte – und wenn es nur ein Wedeln der Rute war. Aber immerhin signalisierte ihm das Geräusch, dass sie nicht wütend auf ihn war. Er hatte zwar nicht unbedingt die Absicht gehabt, sich mit einem der anderen Rudelmitglieder zu unterhalten, aber jetzt wo er sie geweckt hatte, konnte er daraus auch etwas Sinnvolles machen. „Nicht mehr, schätze ich“, erwiderte er. Er schlief nie lange am Stück und es war ihm ziemlich egal, ob gerade die Sonne am Himmel stand oder der Mond, wenn er müde war, war er müde. Er blinzelte. „Wie … geht es dir?“ Was sich nach seltsam gestelztem Smalltalk anhörte, war auch seinerseits eine ernst gemeinte Frage, bezogen auf die Tage nach Kibas Tod.

Die Frage, wie Aiyan den Tod seiner Mutter wohl schmerzte stellte sich Farai schon, bevor er überhaupt zu Ende gesprochen hatte. Natürlich. Was sie durch nur noch mehr Schlaf zu kompensieren versuchte, konnte sich bei anderen Wölfen auch anders darstellen. Immerhin hatte sie selbst auch lange damit zu kämpfen gehabt. Sie dachte an ihre Alpträume und an die Nacht, in der Teyrm sie trösten musste. Für einen kurzen Moment zog sie es in Erwägung, Ai von ihrem Traum zu erzählen, entschied sich dann aber dagegen. Sie war sich immer noch nicht sicher, ob es nicht alles ein Produkt ihrer Phantasie war. Wäre das der Fall, würde sie in Kibas Sohn nur sinnlose Hoffnungen wecken. Seine Frage brachte sie dann schnell auf andere Gedanken und sie nahm sich einen Moment, weil sie wirklich darüber nachdenken musste, wie es ihr ging. "Ich vermisse sie." antwortete sie wahrheitsgemäß. Anders, als vorher. Aber das behielt Farai für sich.

Aiyan war trotz der Zeit, die vergangen war, noch nicht dazu gekommen, richtig zu trauern. Er war so beschäftigt damit gewesen, sich um Saiyán zu kümmern oder wütend auf irgendwen zu sein, dass es sich seltsam anfühlte, jetzt vollkommen ruhig zurückzublicken. Farais Antwort ließ ihn schlucken und er setzte sich – irgendwie halb vor, halb neben sie – und gab der Stille Zeit, sich kurz über sie zu legen, wie eine Decke. „Ich auch.“ Nur zwei leise Worte, die Aiyán weniger schwer über die Lefzen gingen, als er gedacht hatte. Vielleicht, weil sie wahr waren. Auf Farai konnte er nicht wütend sein wie auf Leikuna, aber für sie stark sein wie für Sai musste er auch nicht. Langsam hob er den Kopf und betrachtete die Sterne, die ohne den sonst meist hellen Mond selbst stärker zu leuchten schienen. „Denkst du auch, dass sie noch am Leben ist, so wie die anderen?“ Er dachte an Akandos Warnung, den anderen Rudelmitgliedern die Hoffnung zu lassen. Es erschien ihm so falsch, so … hoffnungslos.

Als Aiyan näher rückte spannte Farai sich erst an, weil sie sie nicht wusste was er vor hatte. Auf seine leise Antwort hin sah sie kurz nach unten und betrachtete den Schnee zwischen ihren Pfoten. Es brauchte nicht mehr als diese beiden Worte, und sie fühlte wieder das gleiche wie in dem Moment, kurz bevor sie und Ai los zum Berg gelaufen waren. Sie überlegte ob sie ihn berühren sollte, merkte dann aber das sie genauso große Hemmungen diesbezüglich hatte wie bei Yago. Die Angst vor der Reaktion überwog den Mut für einen ersten Schritt, daher beließ sie es dabei ihn anzusehen und seinem Blick zum Himmel zu folgen. Seine anschließende Frage stach sie dann mitten ins Herz. "Ich glaube es nicht. Ich weiß es." antwortete sie mit der gleichen Gewissheit, mit der sie den Himmel blau und den Schnee weiß genannt hätte.

Aiyan genoss den Moment tatsächlich, die Melancholie war dumpf und schmerzte nicht so, wie er es erwartet hätte. Einer der seltenen Augenblicke, in denen er trotz der Anwesenheit eines anderen Wolfs zulassen konnte, dass seine Gedanken schweiften. Er bemerkte nicht, dass Farai zögerte, hielt den Blick einfach weiter nach oben gerichtet und hoffte stumm darauf, dass niemand anders aufwachte und den Augenblick unterbrach. Schließlich war es die Graue selbst, die seine Gedanken ausbremste und ihn dazu brachte, sie überrascht anzusehen. Im ersten Moment dachte er noch, er hätte in Farai noch jemanden gefunden, der sich von so etwas wie blinder Hoffnung verabschiedet hatte, und seine Miene wurde weicher. Als sie dann die exakt andere Richtung einschlug, weiteten sich seine Augen und seine Ohren klappten nach hinten. „Wie kannst du das wissen?“, flüsterte er gepresst. Er hatte gedacht, er wäre sie los geworden und jetzt kam sie zurückgekrochen, die heimliche, nagende Hoffnung. Und sie schmerzte viel mehr als die Melancholie von eben.

Ihre Antwort war direkt aus dem Herzen gekommen, ohne einen Umweg über das Gehirn zu machen. Und damit erschreckte sie nicht nur Aiyan, sie schockierte sich selbst damit. All ihr Zweifeln seit des Traums, all die Fragen ob Realität oder Wirklichkeit hatte sie sich grade selbst beantwortet. Aiyans Reaktion schmerzte sie, doch zugleich wollte sie von ihrer Überzeugung auch nicht abweichen, so sehr ihn das auch zu verletzen schien. Sie konnte ihn kaum ansehen, so weh tat seine Enttäuschung, die sie trotz des dämmrigen Lichts gut sehen konnte. Als er sprach, war es als ob jemand einen heißen, spitzen Gegenstand in ihrer Brust herumdrehte. Ihre Augen sahen auf den Boden, zur Seite und wieder zu ihm und man sah deutlich wie sehr Farai mit sich kämpfte, die richtigen Worte zu finden. Letztendlich warf sie ihren erst gefassten Vorsatz von Board und musste den einzigen Beweis bringen, den sie besaß. "Es ist....Weil..." Einatmen. Ausatmen. Dann nochmal. Ruhiger. "Ich hab mit ihnen gesprochen. Mit beiden. Sie sind nicht tot."

Aiyan klappte langsam ein Ohr wieder nach vorn und starrte Farai an, als läge jetzt alles weitere in ihrer Pfote. Er wollte diese Hoffnung nicht behalten, wollte sie wieder guten Gewissens wegschieben können und zurück zum Alltag zurückkehren, der sie langsam aber sicher wieder eingependelt hatte. Es lag an Farai, ob er das nun konnte. Sie wirkte verstört von seiner Reaktion und er fragte sich noch vor ihrer Antwort, ob sie tatsächlich mehr wusste als er, oder ob sie einfach nur stärker war. Der Gedanke war seltsam angesichts der kleinen, zerbrechlichen Fähe an seiner Seite, aber er hatte schon vor einiger Zeit begriffen, dass körperliche Stärke nicht mit charakterlicher einhergehen musste. Und möglich war es. Ihn würde die Hoffnung in kurzer Zeit zerfressen, andere Wölfe hielten es viel länger, vielleicht sogar ewig mit ihr aus und zehrten sogar von ihr. Er schluckte, presste die Kiefer aufeinander. Dann schließlich erlöste sie ihn – und kettete die Hoffnung an ihn, ohne dass er sich dagegen wehren konnte. Sein eines Ohr schmiegte sich neben das andere wieder an seinen Hinterkopf. „Aber … ich war da …“ Sie sprachen nicht, in ihrem Grab aus Kristall. „Wie?“, flüsterte er nur.

Innerlich baute sich eine derartige Anspannung in Farai auf, das sie glaubte explodieren zu müssen wenn sie noch länger still saß Schließlich stand sie ruckartig auf, drehte sich um und schien erst gehen zu wollen....Tatsächlich machte sie sie nur zwei, drei abgehakte Schritte weg von Aiyan, nur um sich dann gleich wieder zu ihm umzudrehen. Es war eine Übersprungshandlung aus Zeiten ihrer Gefangenschaft, wo sie einfach stakkatoartig von einer Zellenwand zur anderen gelaufen war. Eine Methode um Nervosität abzubauen. Jetzt half es ihr dabei, ihre Gedanken zu ordnen. Jemanden wie Aiyan so zu sehen machte sie hilflos. Sie war es sonst, die nicht weiter wusste, die Fragen stellte und Erklärungen einforderte. Sie war es, die verzweifelte. Sie wusste nicht, wie man in der anderen Position handeln musste und dennoch fand sie sich nun dort wieder. "Sie sind nicht tot", sagte Farai noch einmal und schluckte. Es war immer noch deutlich, das sie die Situation überforderte, doch jetzt kämpfte sie dagegen an, sah Kibas Sohn direkt in die Augen. Ihr Brustkorb hob und senkte sich, als wäre sie grade wieder die Strecke bis zum Berg gelaufen. Bis zur Kristallkammer. "Das im Berg...das sind nur. ..ihre Hüllen. Das was Mama ausgemacht hat, das ist immer noch da. Sie kann jetzt überall sein, wenn sie möchte." Farai lies einen bedeutungsschweren Blick über das Rudel schweifen. "Auch hier. Jetzt. Aber wir können sie nicht sehen. Nicht...wenn wir wach sind" Gegen Ende hin wurde ihre Stimme immer leiser und brüchiger. Das sie Kiba vor Aiyan Mama genannt hatte wurde ihr erst jetzt bewusst, und sofort klappten sich ihre Ohren schuldbewusst ein.

Aiyan war starrsinnig, was Dinge anging, die sich nicht logisch erklären ließen. Er war kein Wolf, der sich vom Zauber dieses Tal gefangen nehmen ließ. Aiyán Tendes war rational, geradlinig und unerschütterlich. Seine Logik beruhigte ihn, war sein sicherer Anker. Und sie wehrte sich unbewusst in ihm, wenn seine Umgebung damit drohte, sie zu untergraben. Als Farai aufstand und sich entfernte, legte er verwirrt die Ohren zurück und traute sich nicht, ihr zu folgen und die entstandene Distanz zu überbrücken, deshalb blieb er wo er war und schaute verunsichert zu ihr hinüber. Und dann redete sie. Und obwohl es Farai so offensichtlich schwer fiel, ihre Worte zu formulieren, stellte sich bei ihm sofort nichts weiter als Mitgefühl ein. Vielleicht sogar regelrechtes Mitleid. Denn für ihn war sie nun das beste Beispiel für einen Wolf, der durch Hoffnung langsam aber sicher völlig irrational wurde und vor allem zu bedauern war. Was sie sagte, ergab keinen Sinn. Aiyán starrte sie an, den kleinen Keim der Hoffnung in sich erbarmungslos erstickend. „Farai …“, begann er und seine Stimme klang behutsam. Aber ihm fiel nichts ein, was er sagen konnte. ‚Lass sie ihnen‘, hatte Akando gesagt.

Es klappte nicht. Farai kannte diesen Blick. Dieser Ausdruck in seinem Gesicht, der Unverständnis und leises Bedauern ausdrücken sollte. Sie kannte ihn von Kiba und Yago, ganz am Anfang. Damals hatte sie dieser Blick wütend gemacht, später war sie traurig darüber gewesen, das man sie nicht verstehen konnte. Wie damals hatte sie nichts in ihren Pfoten was sie als Beweis darzubringen hatte, außer ihren Erinnerungen. Gequält schaute sie an Aiyan vorbei, zu ihren Pfoten und wieder zu ihm, während ihre Zunge über Nase und Fang strich. Sie machte wieder ein paar Schritte auf ihn zu und setzte sich dann langsam. "...Sie können uns im Traum besuchen." Farai erzählte zu Ende, auch wenn sie fürchtete das es für Ai nichts weiter als eine Geschichte war. Doch sie klammerte sich an die Hoffnung, in ihm doch noch etwas auslösen zu können. Wenn es nur einen Funken in ihm gab, der einen Zweifel aufkommen lassen konnte, dann hatte sie gewonnen. Denn Kiba wird ihren Sohn auch bald im Schlaf besuchen, da war Farai sich sicher. Und dann würde er zu ihr kommen und erkennen müssen, das sie Recht gehabt hatte. "Sie schlafen dort oben. Im Berg. Und wenn sie träumen, dann träumen sie mit uns."

Aiyan konnte regelrecht zusehen, wie Farai unter seinem Unglauben litt und es tat ihm wirklich Leid, aber seine Sturheit und sein Selbstschutz waren stärker. Ihren Traum glaubte er ihr, aber für ihn war ein Traum nichts Bedeutendes. Vermutlich würde er auch mal von Kiba träumen, wenn sie in einen reißenden Fluss gefallen und offensichtlich ertrunken wäre. Für Farai tat es ihm Leid, dass er dem nicht die gleiche Bedeutung zumessen konnte, wie sie es scheinbar tat. Er schüttelte langsam den Kopf. „Sie schlafen nicht, Farai. Du hast nur von ihnen geträumt, weil … weil du sie liebst.“ Er schluckte und stockte kurz, tat sich mit dem Eingeständnis unerwartet schwer. Als sie Kiba ‚Mama‘ genannt hatte, war das an ihm vorbeigegangen, offiziell hatte er sie ihr nie zuvor als Ziehschwester angenommen.

Es war, als wäre Aiyan ihr Spiegelbild. So als ob sie grade versuchte sich selbst zu überzeugen. Vor wenigen Stunden war sie sich ebenfalls nicht sicher gewesen, ob Kibas Besuch nicht ein Produkt ihrer eigenen Fantasie gewesen war. Doch es war plötzlich so klar und sicher für sie, als ob die Wahrheit schon längst vor ihr gelegen hätte, nur war sie bis jetzt blind dafür gewesen. Dieses Gespräch mit Aiyan klärte ihren Blick immer mehr und mehr, machten ihr klar was sich trotz aller Zweifel 'richtig' anfühlte und das sie diesem Gefühl vertrauen konnte. Das Aiyan komplett abblockte hatte am Anfang wehgetan, aber jetzt rüttelte es doch an ihrem Innersten. "Warum bist du dir so sicher, das sie nicht schlafen? Du kannst es doch auch nicht beweisen!" Es störte sie nicht so sehr, das er ihr nicht glaubte. Himmel, bis vor kurzem hatte sie sich selbst nicht geglaubt! Aber das er nicht mal eine winzige Chance einräumen wollte, das er vielleicht falsch liegen könnte, das ärgerte sie.

Aiyan kannte Farai nicht so gut, dass ihre Reaktion ihn nun völlig sprachlos zurückgelassen hätte, aber er war dennoch überrascht von ihrer trotzigen Antwort. Er hatte sie weniger selbstsicher in Erinnerung, irgendwie. Und ihre Frage schmerzte. Er verspürte den starken Impuls, die Gelegenheit zu nutzen und das Weite zu suchen, denn er fühlte sich auf einmal in eine Ecke gedrängt und unter Druck gesetzt. Brauchte er einen Beweis? Nein. Aber Farai schien ohne Gegenargumente die Hoffnung nicht fallen lassen zu können. Er legte die Ohren noch weiter an und erhob sich, starrte sie aufgewühlt an. „Ihr glaubt alle an dieses Tal und seine Möglichkeiten und denkt, dass es sie ernährt und atmen lässt, so lange es sie in einen Kristall – einen verdammten KRISTALL einsperrt. Ihr seid blind vor lauter Hoffnung und wollt nicht sehen, was passiert ist!“ Er atmete nun heftig, der schmerzhafte Wandel der Situation steckte ihm in den Gliedern. Seine eigene Hoffnungslosigkeit machte ihn einsam in diesem Rudel.

Spätestens jetzt wäre es an der Zeit gewesen für Farai klein beizugeben. Es lag in ihrer Natur, keinen Widerstand zu leisten. Aber etwas in ihr sträubte sich. Obwohl sie deutlich die aufsteigende Unsicherheit spüren konnte war da jetzt eine zweite Stimme in ihr, die sich weigerte wie immer die Rute unter den Bauch zu klemmen und zu verschwinden. War es, weil sie wusste das sie Recht hatte? Oder war es weil sie seine Hoffnungslosigkeit zum verzweifeln brachte? Vielleicht auch einfach deswegen, weil er sie nun mit dem Rest des Rudels über einen Kamm scherte. "Es ist mir egal, was mit diesem Tal passiert." Ihre Stimme klang leise und ungewohnt fest. Doch es wirkte ruhiger, als sie tatsächlich war. Sie hatte den Kopf etwas gesenkt, anders als sonst klemmten ihre Ohrmuscheln aber nicht am Hinterkopf, sondern waren selbstbewusst aufgestellt. "Ich verstehe auch nicht, warum es nötig war was..." Sie unterbrach sich, musste schlucken und kurz weggesehen, weil sie den Tränen keine Chance geben wollte. "...was die beiden getan haben. Alles was ich wollte, war sie wieder hier zu haben. Das geht nicht mehr. Nicht mehr hier." Ja. Es war egoistisch. Aber Farai war es egal. So vieles war ihr egal geworden. Sie machte noch einen Schritt auf Aiyan zu, wissend, das sie den Bogen zu überspannen drohte. Die Schnauzen der beiden Wölfe trennten jetzt nur noch wenige Zentimeter. "Ich kann sie wieder bei mir haben. Und das ist das wichtigste. Nicht dieser dumme Kristall. Und auch nicht dieses Tal." Dann wollte sie eigentlich gehen, weil sie wusste das es nichts mehr zu gewinnen gab. Doch dann kam ihr eine Idee. Sie war bereits an Aiyan vorbei, da drehten sich nochmal ihre Augen zu ihm ohne das sich ihr Kopf mitbewegte. "Wenn du das nächste mal von ihr träumst. Frag sie, was in meinem Traum vorgekommen ist. Würdest du das tun?" Der Ärger war in ihr längst verraucht. Jetzt wirkte sie plötzlich sehr müde, und ihre Frage klang flehend.

Aiyan starrte weiter, doch seine coelinblauen Augen verengten sich leicht, als Farai antwortete. Das was sie sagte, änderte zwar an seiner Grundeinstellung nichts und es blieb dabei, dass er ihren Traum für etwas hielt, das nur an ihr allein hing. Aber es veränderte das Bild, das er von ihr hatte. Plötzlich war sie ein Wolf auf Augenhöhe (jedenfalls im übertragenen Sinne), kein ängstliches, zerbrechliches Reh mehr. Farai war zu jemandem geworden, mit dem er sprechen konnte. Dennoch schwieg er nun erst einmal, seine Lefzen spannten sich an, als sie noch näher zu ihm trat. Alles was sie sagte, stach ihn wie kleine Nadeln und er brauchte zu lange, ehe er begriff, dass das bittere Gefühl in ihm Neid sein musste. Da war Farai schon an ihm vorbei gelaufen. Durcheinander gebracht durch die widersprüchlichen Gefühle blieb er stumm und sah sie nur fragend an, als sie noch einmal innehielt. Er wollte laufen, jetzt sofort. Allein. Nicht träumen, nicht mehr reden, gar nichts. „Ich träume nicht“, antwortete er noch und es klang so bitter, dass er den Fang sofort wieder schloss und sich umdrehte. Toboe träumte, aber Aiyán? Aiyán drehte sich um und lief, weg von Farai und weg vom Rudel.

Sturer als ein Baumstamm. Da merkte man doch wieder, das es sich um den Bruder von Sai handelte. "Frag sie einfach!", rief sie ihm noch nach. Und dann komm zu mir...fügte sie in Gedanken hinzu und hoffte, das es funktionieren würde. Farai schnaubte. Dann wunderte sie sich über ihr eigenes Verhalten, als ob sie jetzt wieder Hauptdarsteller in ihrem Körper war, und nicht mehr bloß Zuschauer. Aber es blieb dabei, das sie sich wunderte, sie fand es nicht 'schlimm'. Einen Moment sah sie ihm noch nach, bis sein schwarzer Pelz komplett mit der Nacht verschmolzen war, dann rollte sie sich wieder ein und hoffte, das diese Nacht noch etwas Schlaf für sie übrig hatte.

05.04.2015 18:06
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